Wie unser chinesisches Siegel entstand
Im März 2006 flog ich zusammen mit anderen Schülern des GymMar, Frau Weigert und Herrn Kolfhaus im Rahmen des Schüleraustauschs nach Shanghai. Oft wurde ich gebraucht als Dolmetscherin der Gruppe, was mir viel Spaß brachte.
Am 14.03.2006, zwei Tage vor dem Rückflug nach Hamburg, besuchten wir Zhouzhuang, das „Venedig Chinas“. In dieser z.T. noch mittelalterlichen Stadt sind kleine Boote das Haupttransportmittel der Bewohner. Denn diese für Chinas Geschichte bedeutsame Stadt liegt mitten in einem Fluss- und Seengebiet. An diesem schönen Ort entstand unser deutsch-chinesisches Schul-Logo!

Obwohl ich in Shanghai geboren und aufgewachsen bin, hatte ich diese Stadt noch nie zuvor besucht, da sie erst vor wenigen Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
Zhouzhuang bei herrlichem Wetter: Mit vielen Touristen schiebt sich die Gruppe durch die schmalen Gässchen neben den Flussläufen und schaut sich neugierig um: Händler in traditionellen Geschäften, die Perlen, Schmuck, Speisen, Bildbände anbieten. Neben einer der unzähligen Brücken fällt uns ein kleiner Stand auf, wo ein Künstler auf Wunsch traditionelle chinesische Siegel herstellt und verkauft. In diesem Moment wird uns klar: Das ist es, was unsere Schule braucht!
Ungläubig sehen wir die Vielzahl von Steinen aller Größen, Farben und Formen. Ich berichte dem Künstler von unserem Vorhaben: Wir brauchen ein deutsch-chinesisches Siegel. Er macht ein hilfloses Gesicht. Zum Glück versteht er Shanghai-Dialekt, denn meine Heimatstadt ist nicht einmal 150 km weit entfernt. Ich helfe ihm mit einer skizzenhaften Vorlage auf Papier: 
In der Mitte unser bisheriges Schul-Logo, das Herr Mohr aus den sechs Buchstaben „GymMar“ gestaltet hat. Außen herum soll der Name „Gymnasium Marienthal“ auf Chinesisch angeordnet werden. Der Künstler schlägt die uralte, traditionelle chinesische „Siegelschrift“ (zhuanshu) vor. Er beherrscht sein Handwerk; einverstanden! Siegel besitzen in China bis heute im amtlichen und im geschäftlichen Verkehr den Wert einer Unterschrift.
Nun mussten Frau Weigert und ich nur noch den Preis aushandeln. Wir wollten einen besonders kostbaren Stein – nicht ganz billig. Wir entschieden uns für einen Rohling aus rötlichem Speckstein von bester Qualität. Der durchbrochen verzierte Handgriff war in einer Werkstatt schon vorbereitet worden.

Er besteht aus einer sehr feinen Schnitzerei, die ineinander verschlungene Drachen darstellt - seit Jahrtausenden ein Symbol Chinas. Für diese außergewöhnlich schöne Arbeit verlangte der Künstler 400 Yuan(etwa 40 Euro), was für viele Menschen Chinas ein ganzer Monatslohn ist. Nach fünf Minuten eisernen Handelns und mit Hilfe meiner Mitschüler gelang es uns schließlich, den Preis kräftig auf 120 Yuan zu drücken.
Der Meister ging vor unseren Augen ans Werk: Freihändig zog er auf der noch leeren Stempelfläche mit winzigen Sticheln zunächst einige Hilfslinien. Dann ritzte er das deutsch-chinesische Logo in Spiegelschrift in die 3x3 cm große Fläche ein. Erhaben blieb, was rote Stempelfarbe annehmen soll: Chinesische Siegel sind seit 5000 Jahren traditionell immer rot. Nur eine Stunde später konnten wir unser fertiges Siegel in Empfang nehmen.
Nach unserer Rückkehr war der Jubel in Marienthal groß: Für etliche offizielle Anlässe der Schule wurde das Logo längst dringend gebraucht.
Ein Abdruck des kleinen neuen Logos wurde von unserer Wandsbeker Jahrbuch-Druckerei „Daisy´s“ im Format 1x1 m auf eine große Stoffbahn übertragen. Zu seinem ersten großen Auftritt kam es, als alle Chinesisch lernenden Schülerinnen und Schüler unserer Schule Ende Juni 2006 zum „Chinesischtag deutscher Schulen 2006“ in die Botschaft der VR China nach Berlin eingeladen wurden. Nach unserem Theaterstück entrollten wir es auf offener Bühne.
Ob am Flughafen bei der Begrüßung der Austauschpartner, ob auf den bedruckten CDs des Schulvereins, auf Plakaten oder auf den offiziellen Briefbögen der Schule: Inzwischen hat das kleine Siegel des uns namentlich nicht bekannten Meisters seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden.

Ji Chen, (ehem. 12. Klasse)