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Eine neue Lehrerin

by last modified 2007-08-26 12:36

Frau Maedje-Cheng

„Chengmen lixue -

Vor dem Tor des Lehrers Cheng türmt sich der Schnee.“

Frau Maedje-Cheng eine unserer beiden neuen Chinesisch-Lehrerinnen in Marienthal

JB: Frau Maedje-Cheng, Sie haben einen deutsch-chinesischen Doppelnamen. Ihren Familiennamen Cheng haben Sie bei der Heirat offensichtlich beibehalten. Der hat in China ja noch viel mehr Bedeutung als bei uns. Er wird in Respekt vor den Ahnen weitergegeben. Und viele Familien Chinas können über Ahnen berichten, die vor langer Zeit gelebt haben. Ihr Name ist recht selten. Im Großen China-Lexikon des Hamburger Asieninstituts werden nur sechs Chengs aufgeführt, während die Namen Li, Wang, Wu, Xu und Yang im Lexikon zusammen weit über hundertmal vorkommen. Gehört einer der sechs Chengs etwa zu Ihrer Familie?

B18-1

Maedje-Cheng (abgekürzt: MC): Ja, die Brüder Cheng Hao und Cheng Yi gehören zu meinen Vorfahren. Sie haben vor über 900 Jahren in der Zeit der Song-Dynastie mit ein paar weiteren Männern die Lehre des Neu-Konfuzianismus begründet.

JB: Können Sie Ihre Familiengeschichte tatsächlich so weit zurückverfolgen?

MC: Ja, die Vergangenheit ist uns so nahe wie die Gegenwart.

JB: Wer waren denn Cheng Hao und Cheng Yi? Erzählen Sie, bitte!

MC: Über einen meiner Vorfahren, den Philosophen Cheng Yi, gibt es im Chinesischen ein über 900 Jahre altes Sprichwort. Es beschreibt, wie dessen fleißigste Schüler eines Tages geduldig bei ihm ausharrten. Der Meister war müde, er konnte nicht mehr unterrichten. Aber seine Schüler wollten bei ihm lernen. Sie warteten, bis sich draußen schon der Schnee auftürmte. Das Sprichwort lautet: „ Chengmen lixue - Vor dem Tor des Lehrers Cheng türmt sich der Schnee.“ Es bedeutet: Ein wenig Fleiß und Geduld braucht man schon zum Lernen - aber wie viel Spaß macht es, etwas Neues zu erkunden und anzuwenden! Diese Neugier und Erkundungsfreude begleiten mich, seit ich denken kann.

JB: Wo in China sind Sie aufgewachsen?

MC: Im Nordosten Chinas. Von dort ging ich Ende der Siebziger Jahre nach Peking, um an der Peking Universität Internationale Politik zu studieren. Dass ich das durfte, war für mich eine große Freude, denn diese Universität ist sehr berühmt. Schon während des Studiums schrieb ich Artikel und Kurzgeschichten. Eine davon wurde sogar verfilmt. Daraufhin wurde die Tageszeitung Guangming Daily auf mich aufmerksam, und nach dem Studium fing ich dort als Journalistin an.

JB: Wir beide arbeiten für ein Marienthaler Blatt, vermutlich haben Sie aber ein paar Leser mehr als wir.

MC: Geduld! Im Journalismus braucht man einen langen Atem, um zu Erfolg zu kommen. Ich z.B. arbeitete insgesamt zwölf Jahre lang als Reporterin und Redakteurin in der Kulturredaktion. Durch journalistische Arbeit lernt man viele Menschen kennen. Ich hatte das Glück, viele interessante Schriftsteller, Maler, Kalligraphen, Schauspieler und andere Künstler kennen zu lernen. J

B: Für welche Ressorts haben Sie bei der Zeitung gearbeitet?

MC: Ich habe in Essays und Artikeln alles aufgeschrieben, was ich Neues erfahren habe. Daneben betreute ich über lange Zeit als verantwortliche Redakteurin das Ressort „Das künstlerische Werk“ – eine Aufgabe, auf die ich besonders stolz bin.

JB: Gestatten Sie die Frage, wie eine chinesische Autorin sich in einen deutschen Mann verlieben kann?

MC: Eine lange und nette Geschichte, doch hier in aller Kürze: Während einer Pekingoper-Aufführung lernte ich einen deutschen Doktoranden im Studienfach Sinologie kennen, meinen heutigen Mann. Zufällig interessierte er sich für meinen vorhin erwähnten Vorfahren, den alten Lehrer Cheng Yi aus dem 11. Jahrhundert. So wurde er auf mich aufmerksam.

JB: Wurde Deutschland jetzt Ihre zweite Heimat?

MC: Ja, ich erforsche sie seit 1995 mit Neugier und schreibe fleißig Artikel und Bücher für chinesische Zeitschriften und Verlage über meine hiesigen Erfahrungen.

JB: Worum geht es in den Büchern?

MC: 1999 z.B. habe ich die Essaysammlung veröffentlicht: „Ein treuer Freund zum Begleiter“. Dann inspirierte mich unser Sohn Leo zu dem Buch „Wer bringt unseren Schatz ins Bett?“, ein Vergleich von chinesischer und deutscher Kindererziehung. Zwei neue Bücher stehen zur Publikation an: „Ladies and Gentlemen – deutsche Porträts“; „Einen Tag lang Deutscher sein“.

JB: Haben Sie Hobbys?

MC: Fußball! Ich interessiere mich sehr für Fußball - und schreibe schon seit längerem als Fußballjournalistin. Auch das Unterrichten macht mir großen Spaß. Seit einigen Jahren unterrichte ich modernes Hochchinesisch (Mandarin) und chinesische Kalligraphie, also „künstlerische Schönschrift“, u.a. anderem an der Uni Hamburg. Na, und seit August 2005 gibt es ein weiteres „Hobby“: Zu meiner großen Freude darf ich am Gymnasium Marienthal chinesische Kinder in Sprache, chinesischer Geschichte, chinesischer Geographie und Kalligraphie unterrichten. Schüler ohne chinesischen Hintergrund lernen bei mir Sprache, Schriftzeichen und Kalligrafie.

JB: Ist das Erlernen der Schriftzeichen nicht viel zu schwer und mühsam?

MC: Nein, die Marienthaler sind mit solcher Begeisterung dabei! Ich habe ihnen die Schriftzeichen zunächst in ganz alten Formen beigebracht: Sonne, Wasser, Haus. Dann haben wir gelernt, wie sie sich bis in die Moderne entwickelt haben. Chinesisch schreiben ist wie Bilder malen. Die Schüler haben gemerkt, dass das Chinesische gar nicht so schwer ist. Es gibt keine bestimmten Artikel und fast keine Grammatik. Ein Mädchen aus der 9c z.B. hat im Test Null Fehler gemacht. Manche aus der 9c schreiben bald besser als Chinesen. Es ist unglaublich, wie schnell die hier lernen! Marienthal hat ja schon eine sehr lange Tradition mit Chinesisch-Unterricht und jetzt auch mit dem Schüleraustausch Marienthal - Shanghai. Von den Kindern kommt so viel Positives, so viel Begeisterung zurück, dass ich mir gut vorstellen kann: Eines Tages werden einige von ihnen für mehrere Monate an unserer Partnerschule Min Li High School den ganz normalen Unterricht besuchen. Mein Ziel ist, dass sich hiesige Schülerinnen und Schüler Land und Sprache mit Neugier, Freude und Geduld nähern und bald ein wenig Schnee auch vor dem Tor des Gymnasiums Marienthal liegt: „Chengmen lixue!“

JB: Vielen Dank für das Gespräch! Und vielleicht: Auf eine Autoren-Lesung im nächsten Kultur-Cafe´!

Das Jahrbuch-Gespräch mit Frau Chin D. Maedje-Cheng führten Anika Kunz, 12. Klasse, und Johannes Kolfhaus im November 2005.

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